Wanderfahrt Main
Wer auf Wanderfahrt gehen will, muss Augen und Ohren offen halten. Wanderfahrten werden in der Hellas normalerweise nicht angeboten. Glücklicherweise habe ich mitbekommen, wie Kirsten letztes Jahr eine Wanderfahrt auf der Moldau organisiert hat und habe diesmal früh genug Interesse angemeldet. Dieses Jahr soll es über drei Tage den Main hinunter von Miltenberg zurück nach Frankfurt gehen. Natürlich habe ich mich ohne zu zögern angemeldet. Fronleichnam geht es los: von Donnerstag bis Samstag. Von der Hellas sind drei Leute dabei: Christoph, Gabi und ich. Außerdem sind noch Ruderer von der Freiweg, des FVV, Rheno und Argos aus Wien dabei.

Mittwoch
Wir treffen uns um 18:00 am Freiweg in Frankfurt, um die Boote zu verladen. Da Kirsten sich die Hand gebrochen hat, musste Rainer kurzfristig die Leitung übernehmen. Da das Team eher akademisch geprägt ist, werden Handgriffe gut geplant und diskutiert, bevor man sie ausführt. Nur bei wirklich wichtigen Problemen darf der Experte Ulf gefragt werden. Nach 2 Stunden sind dann die 3 Gig Vierer auf dem Hänger verladen. Römerberg, Mainmetropole und das Irmchen. Pro Boot werden auch noch je ein Werkzeugkasten, Pool-Nudeln und Schöpfkellen eingepackt. Die Schöpfkellen können multifunktional eingesetzt werden, wie sich später noch herausstellen wird.
Außerdem bekommt das geräumigste Boot noch ein Ersatzset Skulls.
Ich lerne den Namen Macon Skulls, die bei uns in der Hellas immer nur Kinder Skulls genannt werden. Im Freiweg werden Macon Skulls standardmäßig beim GIG Vierer eingesetzt und jedes Boot hat seinen Satz. Ich bin Macon Skulls noch nie vorher gefahren. Es wird sich bald zeigen, dass sie sich leichter rudern lassen als die Cleaver, die wir in der Hellas benutzen und die dicken Holzgriffe stellen sich als sehr ergonomisch raus. Selbst nach drei Tagen Rudern keine Blase an den Händen.
Donnerstag
Wir treffen uns früh um halb acht. Es wird noch ein Mietauto abgeholt und dann geht es mit drei Autos und Anhänger Richtung Miltenberg. Wir fahren zum Campingplatz Klein Heubach bei Kilometer 120,5. Dort stoßen die Wiener dazu. Die meisten kennen sich von früheren Fahrten. Der Frankfurter Volleyball Verein (FVV) ist mit über 800 Mitgliedern einer der größten schwul-lesbischen Sportvereine in Europa und Frankfurts größte schwule Institution. Langsam wird mir klar, warum ich mich als heterosexueller Mann hier in der Minderheit befinde. Die Boote werden zu Wasser gelassen, und es geht los. Bis zur Mittagspause sind zwei Schleusen zu bewältigen: die erste in Klingenberg, die zweite in Wallstadt. Wir dürfen in die großen Kammern und können die Sportbootschleuse vermeiden. Die wird aber später noch auf uns zukommen. Wenn man sonst nur in Offenbach rudert, ist man verwöhnt und glaubt, dass es alle paar hundert Meter einen Steg gibt. Deshalb kann auch nicht für jeden Toilettengang angelegt werden. Jetzt wird uns die zweite Funktion der Schöpfkellen vorgeführt.

Kurz nach der zweiten Schleuse (nach 20 km Rudern) machen wir Mittagspause. Jetzt erfahre ich, warum auf der Ausrüstungsliste Wasserschuhe gestanden haben. Wir steigen am Ufer aus, direkt ins Wasser. Hier gibt es wenige Aussteigmöglichkeiten und es ist nicht das einzige Mal, dass wir ohne Steg aussteigen müssen. Der Landdienst wartet auf uns und hat schon den Tisch für uns gedeckt. Der zweite Teil des Tages hört sich einfacher an: noch 12 km und nur noch eine Schleuse. Wir wissen jetzt allerdings noch nicht, dass wir bald in einen ordentlichen Regen geraten werden. Kurz nach der Schleuse in Obernau fängt es an und wir werden bis zum Aschaffenburger Ruderclub ordentlich eingeweicht. Rudern ist ein schönes Hobby. Das muss man sich einfach nur immer und immer wieder sagen.
Wir lassen die Boote auf dem Gelände des Ruderclubs und fahren ins Hotel. Mein Ehrgeiz besteht darin, die Klamotten bis morgen einigermaßen trocken zu bekommen. Abends gehen wir noch essen. Wir sind in Bayern und es gibt leckeren Schweinebraten. Ich nehme im Restaurant noch die alten Zeitungen mit; für meine Schuhe.
Freitag.
Heute geht es von Aschaffenburg nach Hanau. Das Wetter ist heute wesentlich besser als gestern. Es ist zwar etwas windig, aber es regnet fast gar nicht und meist scheint die Sonne. Ralf sitzt auf Schlag und das Boot läuft glatt. Wir kommen in Kleinostheim an, aber leider dürfen wir nicht in die große Schleuse, sondern müssen die Sportbootschleuse benutzen. Für mich das erste Mal. Es passen nur zwei von unseren drei Gigbooten rein. Während man in einer normalen Schleuse nur auf einer Seite die Ruder lang machen muss, muss man das in der Sportbootschleuse auf beiden Seiten. Ihr könnt euch vorstellen, wie wackelig diese Angelegenheit ist und so geht es ca 10m in die Tiefe. Christoph merkt noch rechtzeitig, dass unser Boot zu nahe am Schleusentor liegt und wir können uns noch etwas wegschieben. Alles geht gut. Wir sind bei der ersten Schleusung dabei und warten kurz hinter der Schleuse auf unser letztes Boot. Hier begegnen wir einer Fischerfamilie, die einen noch lebenden kapitalen Wels im Boot haben. Sie fahren den Fluss aufwärts zur Halterung. Der geplante Eisdielenbesuch in Seligenstadt fällt leider aus, weil sich dort keine geeignete Anlegestelle findet. Wir rudern weiter auf der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Auf der linken Uferseite liegt Hessen, auf der rechten Bayern. Wir finden eine Stelle zum Anlegen. Das erste Boot steigt noch im Wasser auf einer Rampe, die in den Main führt, aus. Diese stellt sich aber als sehr glitschig heraus. Die beiden nächsten Boote benutzen deshalb lieber einen nah liegenden Steg. An diesem Vormittag haben wir circa 22 km geschafft. Mittagspause.
Am Nachmittag sind dann noch läppische 10 km und die Schleuse in Krotzenburg zu erledigen. Dann erreichen wir unser Ziel: den Hanauer Ruderclub Hassia bei Kilometer 56,1.
Ohne zu duschen und in voller Rudermontur geht es ins gut besuchte Vereinsrestaurant direkt hinterm Damm.
Kirsten stößt zu uns und der Abend wird lustig.
Samstag
Nachdem ich jetzt zwei Tage lang durch gerudert bin, freue ich mich auf meinen Fahrdienst. Nachdem wir die Ruderer an den Steg gefahren haben, laden wir das Gepäck in die Fahrzeuge und fahren Richtung Freiweg. Dort lassen wir das Gepäck. Dann wird das Leergut abgegeben und der Bus gesaugt. Wir fahren zum Rudererdorf und warten im Biergarten des Achtern auf die Boote. Nach dem Mittagessen darf ich nochmal ins Boot und genieße die letzten Kilometer, den Sonnenschein und die Frankfurter Skyline. Wir sind am Ziel Frauen Ruderverein Freiweg bei Kilometer 31,7.
83,4 km in drei Tagen sind geschafft.
Wir machen die Boote sauber, mit dem Schlauch(!) nicht mit der Gießkanne und nicht nur von außen, sondern auch innen wird alles abgespritzt. Selbst die Blätter werden abgespritzt. Alle sind merklich geschafft aber froh endlich das Ziel erreicht zu haben.
Es gibt noch Kaffee und Kuchen und wir verabschieden uns voneinander.
Im August ist schon die nächste Ruderwanderung im Salzkammergut geplant. Sitzkissen und Wasserschuhe sind schon eingepackt.

Vielen Dank an Thorsten für den schönen Bericht.